Wie wir uns bewegen: eine Prüfung

Was ist Nähe, was ist Distanz? Eine Tanzperformance erkundet auf den Aachener Straßen, wie sich der Raum anfühlen und verändern kann.

Ein Bericht von Ralf Schröder

Im Aachener Elisengarten baut sich ein kleiner Junge vor Maureen Lomb und Alekzandr Szivkov auf. Er trägt eine blaue Pudelmütze. Ganz offensichtlich immer stärker an all seinen bisherigen Erfahrungen zweifelnd, aber ohne Furcht, schaut er für eine lange Minute sehr konzentriert der Tanzkünstlerin und dem Tanzkünstler zu. Dann dreht er sich zu seiner Mutter um, die ein paar Meter entfernt steht, und fragt ziemlich überzeugt: „Das sind aber keine echten Leute, oder?“

Auch wenn der Zweifel nicht immer so massiv ausfällt, fragend-aufmerksame Blicke begleiten Lomb und Szivkov auf ihrem gesamten Fußweg, der heute, am Samstag vor Weihnachten, durch die gesamte Innenstadt führt. Das liegt vor allem an der Kostümierung: Komplett schwarz und eng anliegend die Textilien, zu denen auch eine Kapuze zählt. Dazu eine weiße Gesichtsmaske, und: Dünne weiße Holzstäbe, unterschiedlich lang, die mit Klebeband an den Armen und Beinen fixiert sind. Wenn die Tänzer stehen, ragen die Stäbe nach oben über den Kopf hinaus. Dass diese Aufmachung je nach Bewegungsmodus an futuristische Maschinenwesen erinnert, ist kein Zufall.

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Das Gefühl für die Dimensionen bewahren

„Inspiriert ist dieses Kostüm von Oscar Schlemmer, der einer der wichtigsten Vertreter des Bauhaus-Stils war“, erklärt Yorgos Theodoridis. „Er hat als Maler, Bildhauer und Bühnenbildner gearbeitet und immer wieder gefragt, in welcher Beziehung die menschliche Figur zum Raum steht. Das ist auch unser Thema: Einmal angesichts der Corona-Maßnahmen, die Distanz verlangen. Zum anderen angesichts der Digitalisierung, die zunehmend dazu beiträgt, dass wir das Gefühl für den Raum mit seinen drei Dimensionen verlieren. Der Raum ist die Domäne des Tanzes.“

Auslöser für das Projekt, das unter dem Titel dance/re/public eine ganze Serie thematisch unterschiedlicher Stadtspaziergänge umfasst, war die Pandemie-Situation und die Idee von Videokünstler Christoph Giebeler, den öffentlichen Raum kulturell zu erschließen. Theodoridis, in der Aachener Tanzszene seit vielen Jahren eine feste Größe, hat daraufhin die Choreografien entwickelt und setzt sie für den Verein Cultur Bazar e.V. um, dessen Vorsitz er innehat. „Da die Theater geschlossen sind, möchten wir neue Bühnen erschließen. Und zwar solche, die bisher anders wahrgenommen werden: dance/re/public macht den öffentlichen Raum mit Kunst lebendig und überlässt ihn nicht nur einer ökonomischen Zweckstruktur.“ So wollen Theodoridis und seine Künstlerkolleg*innen die Kunst auch zu Menschen bringen, die sonst damit nicht in Berührung kommen. Und speziell zur Weihnachtszeit will man probieren, ob und wie der Gedanke „Kunst statt Konsum“ eine Resonanz finden kann. „Kunst“, fasst Theodoridis zusammen „ist und soll gesellschaftsrelevant sein, also gehört sie auf die Straße.“

Wenn die Fantasie Flügel kriegt

Dort, auf den Straßen, wecken Maureen Lomb und Alekzandr Szivkov durch ihre Tanzfiguren die Fantasie, die nötig ist, um den Raum aus seiner Festlegung auf eine rein mathematisch-abstrakte Existenz zu befreien. Mit den Stäben, ständig in wechselnde Anordnungen gebracht, zaubern sie immer wieder neue Geometrien herbei. Auch Zustände, physikalische wie affektive oder emotionale, werden damit erprobt: Balance, Spannung/Entspannung, Rhythmus, Pulsieren – mal gebrauchen die Tänzer die Stäbe als Taktstock, mal als Korsett, mal als Krücke. Die Stäbe sind bei all dem visuellen Akzente, thematisieren Nähe und Abstand, schränken bisweilen demonstrativ die Motorik und die Bewegungsmöglichkeiten ein.

Aber keineswegs immer. Auf ihrem Weg durch die Straßen wird der Raum von den beiden Künstlern einerseits eingenommen und gefüllt: Hier scheint es eher darum zu gehen, was der Mensch im Vorhandenen sein und machen kann. In anderen Situationen wird der Raum ertastet, erkundet, ausgemessen, womöglich auch vergrößert: Etwa wenn Lomb und Szivkov die Stäbe weit in die Höhe recken oder sie so spreizen, dass man/frau sich an schwingende Flügel erinnert fühlt. In diesen Augenblicken weist die Choreografie besonders eindrücklich über die menschliche Figürlichkeit hinaus – und damit vielleicht auch über das, was hier heute als normal empfinden.

 

dance/re/public

Performerinnen: Maureen Lomb, Alekszandr Szivkov                                                                                                                               Choreographie: Yorgos Theodoridis

Kooperationspartner:

Christoph Giebeler Visuelle Kommunikation                                                                                                                                            CulturBazar e.V

Gefördert von

Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen
Region Aachen Zweckverband
Kulturbetrieb der Stadt Aachen

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